Hörspiel
Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!
2026
Ort
Ursendung: 27. September 2026 um 18:20 Uhr auf SWR Kultur
Beschreibung
A: Bist du bereit, dich für irgendetwas unbeliebt zu machen? Wenn ja, was ist das? Wenn nein, wie konnte das passieren?!
B: Die Therapeutin gähnt. Der Zyniker fühlt sich bestätigt. Die Übrigen schweigen oder sprechen ausschließlich mit ihrem nahen Umfeld über den Zustand der Welt im Allgemeinen und Speziellen. Allerdings ohne Ergebnis. – Die Destruktion, die gegen das System als Ganzes ist, ist ungebremst im Aufwind. – Das spricht nicht für einen längerfristigen Friedenserhalt.
In einer sich aggressiv aufladenden, sich polarisierenden Gesellschaft, die von Abgrenzung gegeneinander anstatt von konstruktivem Dialog gekennzeichnet ist, geraten auch die Brücken schlagenden Kulturtechniken in Misskredit: Kunst, Kultur, Soziales und die Wissenschaften werden mehr und mehr ihrer politischen und sozialen Rolle als Bollwerk gegen den Egoismus und als Instrument gegenseitiger Verständigung beraubt. Sie werden – gemäß der nachfrageorientierten kapitalistischen Logik – zu einer anti-aufklärerischen, individuellen Dienstleistung der betäubenden Selbstbestätigung und Unterhaltung jedes Einzelnen in seiner Sphäre. Ein derart ausgehöhlter Kulturauftrag widerspricht unseren kulturellen bürgerlichen Rechten.
Aber was, wenn uns gar nicht (mehr) bewusst ist, dass wir diese kulturellen Rechte haben und folglich auch verteidigen können und müssen? „Reflektier mal die Ästhetik deines Auftritts, Alter!“ ist eine tragische Komödie, über eigentlich privilegierte Bürger*innen, die sich des Wertes ihrer umfassenden kulturellen Fürsorge und Privilegien immer weniger bewusst sind und vergessen, dass nur die kulturelle Vielfalt unsere individuellen Lebensweisen schützen kann. Ein Appell an unsere kollektive Intelligenz.
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Mitwirkende
mit Sebastian Brandes, Katrin Filzen, Vincent Glander, Sabrina Hilde, Michael Kranz, Sylvana Krappatsch, Sebastian Kuschmann, Gesche Piening und David Zimmerschied
Komposition: David Pätsch
Saxophon: Hubert Fersterer
Posaune: Fabian Graf
Schlagzeug: David Pätsch
Gitarre: Gerhard Schmitt
Ton und Technik: Daniel Senger, Uwe Strack, Andrea Greß, John Krol
Besetzung: Nana Rademacher
Regieassistenz: Conny Walter
Regie: Gesche Piening
Produktion: Südwestrundfunk 2026
Redaktion und Dramaturgie: Pia Frede
Pressestimmen
Pienings kulturdiagnostischer Scharfblick verschont keinen. Viele können und sollen sich angesprochen fühlen. Die Politik, die die Kunst- und Kulturförderung infrage stellt, um Populisten hinterherzuhecheln: "Soll ich als Politiker statt eines Kindergartens einen Blühstreifen oder ein Kunstprojekt finanzieren?" Die Sendeanstalten, die das Kulturprogramm zusammenstreichen: "Da hat halt mal wieder jemand mit viel Macht entschieden, dass das jetzt alle hören wollen … Ununterbrochen, auf jedem Kanal, mehr und mehr das Gleiche." Das Publikum, das den Kulturauftrag in Krisenzeiten darin sieht, seine "Stimmung aufzuhellen, denn ich brauche verlässlichen Trost". Die Kulturkritik, die ihrem Auftrag immer weniger nachkommt: "Ist das PR oder eine Rezension?" Zuletzt die Künstler und Künstlerinnen selbst, weil sie in einer Art vorauseilendem Gehorsam niemandem mehr etwas zumuten wollen: "Das Publikum sollte man an die Hand nehmen und zu seinem Glück führen." Das rasant geschnittene Hörspiel, das nicht von ungefähr mit schrillem Geklingel einsetzt und mit einem wilden musikalischen Genre-Mix als akustische Untermalung fortfährt, konfrontiert mit einer Kakophonie an Stimmen. (...) Dabei ist jeder der mal betont gelangweilt, mal gehetzt gesprochenen Sätze ein Wirkungstreffer.
epd-Medien vom 01. Oktober 2026
Piening verdichtet, was einen tagtäglich – in der Regel von social media ausgehend, aber auch von Bühnen aller Art herab – an öffentlichem Geplärr bedrängt und auf die jeweilige, selbstverständliche weltrettende, absolut wahre und deshalb einzig akzeptable Seite zerren will. (...)
Was Piening in ihrem Hörspiel gelingt: selbst nicht destruktiv zu werden und dem Ganzen sogar Komik abzugewinnen.
Süddeutsche Zeitung, 26./27. September 2026